Eröffnungsplenum Teil 1

Den Einstieg in die Fachtagung bildet eine Podiumsdiskussion. Als Talkmasterin führen Cornelia Benninghoven und als Talkmaster Holger Wicht die Diskussion. Beide moderieren die gesamte Fachtagung und die einzelnen Kontroversen. Als Gäste auf dem Podium stehen Dr. Anne Bunte (Leiterin des Gesundheitsamts der Stadt Köln), Heidi Eichenbrenner (stellv. Geschäftsführerin der Aidshilfe Köln), Prof. Dr. Gerd Fätkenheuer (Oberarzt Uniklinik Köln - Infektiologie) und Martin Wickert (Vorstand Aidshilfe NRW) Rede und Antwort.

Holger Wicht fragt Prof. Fätkenheuer: In Washington im Juli war die Heilung das ganz große Thema – schaffen die Forscher das?

Fätkenheuer meint, dass es ein großer Fortschritt ist, dass es solche Initiativen überhaupt gibt. Das habe man ja vor wenigen Jahren überhaupt nicht für denkmöglich gehalten. „Ich würde aber nicht, wie manche Kolleginnen und Kollegen, eine Prognose machen, dass wir in fünf oder zehn Jahren die Heilung haben, ich bin aber sicher, dass wir das schaffen ... irgendwann.“

Holger Wicht fragt nach: Das zweite große Thema in Washington sei mit dem Slogan: „We can end Aids!“ beschreibbar. Dabei ging es immer wieder um die medizinischen Möglichkeiten in der Prävention. Heißt: die Therapie senkt die Übertragungswahrscheinlichkeit. „Die PrEP, in der Presse häufig als Pille gegen Aids bezeichnet, war ebenfalls ein Riesenthema. Sind sie auch so optimistisch, was die Möglichkeiten der medizinischen Prävention angeht?“

Fätkenheuer: „Hier bin ich viel weniger optimistisch.“ Er führt als Beispiel Late-Presenter an, die offensichtlich keine Intervention, keine Präventionsmaßnahme erreicht hat. Die Viruslastmethode funktioniert nur, wenn man möglichst alle Infizierten entdeckt. „Test-and-Treat mag in den USA politisch sinnvoll sein zu propagieren, aber … Die Viruslastmethode ist ein wichtiger Baustein. Seit 2011 wissen wir, das EKAF-Statement ist nicht mehr so kontrovers, weil wir mittlerweile viel bessere wissenschaftliche Grundlagen haben.“

Der Moderator gibt die Frage nach EKAF an Dr. Anne Bunte weiter, die das Konzept zur Weiterentwicklung der HIV- und Aidsprävention in NRW anspricht.

Sie weist darauf hin, dass es nicht nur Unterschiede zwischen Deutschland und den USA gibt, sondern auch innerhalb Deutschlands beziehungsweise innerhalb von NRW. Köln sei nicht vergleichbar mit eher ländlichen Teilen des Landes. So sei die Versorgung illegal in Köln lebender Menschen erheblich einfacher, als etwa im eher ländlichen Westfalen. In einigen Bereichen wird man etwas mehr erreichen können, in anderen weniger. Deshalb wird es auch weiterhin unterschiedlich bleiben.

Cornelia Benninghoven fragt, was gut funktioniert und wo die größten Baustellen etwa für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) sind. Dr. Bunte meint, sicherlich einer der größten Pluspunkte im ÖGD sei, dass Aids nicht mehr als Todesurteil gesehen werde. Es würde heute wesentlich mehr auch über andere Infektionserkrankungen diskutiert, auch in der Allgemeinbevölkerung, und führte als Beispiele EHEC, Influenza, nosokomiale Infektionen und resistente Krankenhauskeime an. Der ÖGD erlebe aber auch vor Ort, was es bedeutet, zusätzlich zu anderen Infektionskrankheiten mit HIV infiziert zu sein. Und die Gesundheitsämter sehen zunehmend, aufgrund des geänderten Präventionsverhaltens, Menschen mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Auch hier gebe es große Unterschiede zwischen Köln und dem ländlichen Raum.

Cornelia Benninghoven: „Ist der Knast nach wie vor ein Großbaustelle?“ Dr. Bunte: „Ganz sicher, weil dort die Erreichbarkeit gar nicht so gegeben ist.“

Cornelia Benninghoven leitet zu Martin Wickert über und fragt ihn, was ihm an seinem Ehrenamt als Vorstand der Aids-Hilfe NRW so wichtig ist.

Martin Wickert erklärt, es beträfe ihn ja selbst und er habe aber als Nicht-Mitarbeiter eines Vereins keine Aidshilfe-Brille auf und das würde der Diskussion mancher Themen ganz gut tun. Er erklärt auf Nachfrage, seine Brille sei das Mit-der-Infektion-leben. Er möchte, dass das Thema öffentlicher behandelt wird und fühlt sich in bestimmten Dingen ungerecht behandelt. Und diese Dinge möchte er ändern. 
Cornelia Benninghoven fragt nach konkreten Schlüsselsituationen für Diskriminierungserfahrungen.

Martin Wickert führt die Kriminalisierung an. Man laufe Gefahr, wenn man mit jemandem Sex hat, anschließend angezeigt zu werden – insbesondere, wenn man mit dem Hintergrundwissen seiner eigenen Nichtinfektiosität, seine HIV-Infektion dem Sexualpartner gegenüber nicht offengelegt habe.

Cornelia Benninghoven fragt nach, ob Martin Wickert in seiner Vorstandstätigkeit wichtig ist, dass die Nichtinfektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie bekannter wird.

Martin Wickert antwortet mit Verweis auf Presseberichterstattung nach der letzten Jahrespressekonferenz der Aidshilfe NRW, „dass das Thema ja doch noch nicht so richtig angekommen ist“. Er verstärkt, dass da etwas gemacht werden müsse. Die Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass man halt nicht mehr infektiös ist. Man sollte zwar Rücksicht auf Menschen mit HIV nehmen, man muss vor ihnen aber keine Angst haben.

Cornelia Benninghoven denkt, es sei „ein hartes Stück Arbeit, die Bildzeitung dazu zu bringen, nicht mehr von einer Biowaffe zu sprechen.

Holger Wicht stellt Heidi Eichenbrenner von der Aidshilfe Köln, als „Ihr seid, die, die vor Ort arbeiten“, vor und fragt, wie die medizinischen Möglichkeiten (Viruslastmethode, PrEP) die Präventionsarbeit vor Ort verändern.

Heidi Eichenbrenner erklärt, dass es nach den Medienberichten über den Aidskongress und die PrEP, die Pille gegen Aids, durchaus Nachfragen gegeben habe. Der Sachverhalt sei aber zu komplex, um ihn beispielsweise in der schwulen Sauna zu vermitteln. Sie ist der Überzeugung, dass es eine Verständigung über einfache, klare Botschaften und die Methodik der Vermittlung geben müsse und differenziert zwischen schriftlichen und interpersonal-kommunikativen Botschaften.

Holger Wicht fragt mit Rückgriff auf die Vorkommnisse um die Jahrespressekonferenz herum nach, ob es schon Konzepte für die Kommunikation des Themas EKAF gäbe oder ob man sich noch sortiere. 
Heidi Eichenbrenner unterscheidet. „Die große Allgemeinbevölkerung, da würde ich sagen, die sind immer noch … schwer beim alten Aids. Das wird noch viele, viele Jahre dauern, bis man die mitnehmen kann.“ Sie erzählt kurz von einer Veranstaltung, die sie in der letzten Woche in einer Sauna durchgeführt haben, hier seien die Teilnehmenden sehr interessiert gewesen.

Cornelia Benninghoven meint, es klang gerade ein bisschen harmonisch, „aus der Serie, naja, das macht ja nichts. Wir machen das Spezialwissen für die Spezialisten und das Andere für die Bildzeitung machen wir nach wie vor so wie früher“ und meint zu Martin Wickert, dass er damit nicht so richtig einverstanden sein könne.

Martin Wickert meint, „natürlich ganz und gar nicht“. Es sei auch eine Frage der Gerechtigkeit, nach dem Recht darauf, in dieser Gesellschaft als HIV-positiver Mensch nicht diskriminiert zu werden. 
Cornelia Benninghoven stellt an alle die Schlussfrage, die zu den Kontroversen überleiten soll: „Mit wem aus dieser Runde würden Sie jetzt in welche Debattenring steigen?“

Während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussionsrunde überlegen, stellen Holger Wicht und Carolin Vierneisel, Deutsche AIDS-Hilfe kurz das Projekt „positive stimmen“ und die wichtigsten Ergebnisse daraus vor.

positive stimmen

Das Projekt dient der Dokumentation und Abbildung der von Menschen mit HIV erlebten Stigmatisierung. Einzigartig ist dabei der Ansatz, dass das Gesamtprojekt von Menschen mit HIV getragen wird und damit im Sinne der GIPA Prinzipien steht. GIPA („Greater Involvement of People Living with HIV/ Aids“) sieht Menschen mit HIV als Akteure, die gleichberechtigt in die Belange einzubeziehen sind, die sie betreffen.

Ziel des Projektes ist es, zu dokumentieren, wie Menschen mit HIV Stigmatisierung erleben. Darüber hinaus sollten Menschen mit HIV durch die Mitarbeit in dem Projekt in ihrer Selbstorganisation und der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema unterstützt werden. Umgesetzt wurde dies über die Grundidee, dass Menschen mit HIV das Erleben von Stigmatisierung bei anderen Menschen mit HIV mittels Interviews selbst dokumentieren.

Im Projekt positive stimmen wurden 1148 Menschen mit HIV zu ihren Erfahrungen mit HIV-bezogener Stigmatisierung und Diskriminierung befragt. Nach der statistischen Auswertung liegen nun erstmals aussagekräftige Daten dazu vor, wie Menschen mit HIV in Deutschland Stigmatisierung und Diskriminierung erleben. Vier Bereiche stehen hier im Mittelpunkt: der Gesundheitsbereich, die Arbeitswelt, der Umgang mit Sexualität und die Verinnerlichung von Stigmatisierung.

Rund 20% der Befragten geben an, dass ihnen in den letzten 12 Monaten aufgrund ihrer HIV-Infektion ein Gesundheitsdienst verweigert wurde. Sie wurden also zum Beispiel in einer Arztpraxis zurück gewiesen. Angesichts möglicher negativer Auswirkungen der HIV-Infektion auf die Gesundheit ist dieses Ergebnis alarmierend. Bereits zuvor durchgeführte Umfragen haben ergeben, dass Menschen mit HIV in Deutschland häufig von Zahnarztpraxen abgewiesen werden. Aber auchFachärztinnen und Fachärzte, die nur selten HIV-Positive behandeln, reagieren oftmals verunsichert.Als Ablehnungsgründe werden häufig genannt: die Angst vor einer Übertragung der HIV-Infektion, die Angst, keine qualitativ angemessene Behandlung gewährleisten zu können oder sogar, dass die Behandlung von HIV-Positiven dem Ruf der Einrichtung schaden könne. All dies sind Ängste, denen man mit Information begegnen und sie somit entkräften kann.

Die Konsequenzen können massiv sein: 10% der Befragten gaben an, im letzten Jahr mindestens einmal nicht in eine Arztpraxis gegangen zu sein, obwohl es nötig gewesen wäre. Bei denjenigen, die im Medizinbetrieb schon einmal Zurückweisung erlebt hatten, liegt die Zahl sogar bei 18%.

Das ist fatal: Bei HIV-Therapien ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass rechtzeitig damit begonnen wird. Die Medikamente schützen dann vor Aids und anderen Folgeerkrankungen der Infektion. Ein möglicherweise verspäteter Therapiebeginn kann zu schweren gesundheitlichen Schäden führen.

Die Auswertung zeigt ebenfalls, dass im letzten Jahr mehr Menschen mit HIV ihren Job aufgrund von Diskriminierung verloren haben als aufgrund von gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Die meisten Menschen mit HIV stehen im Job wie andere Arbeitnehmer/innen auch. Dass allerdings in der Befragung der Großteil der berichteten Kündigungen aufgrund von HIV-bezogener Diskriminierung stattfand, zeigt deutlichen Handlungsbedarf.

Ermutigend sind hingegen die Ergebnisse zum Umgang mit HIV am Arbeitsplatz. Knapp über die Hälfte (54%) der Befragten sind in Voll- oder Teilzeit beschäftigt, 29% gehen dabei am Arbeitsplatz offen mit der Infektion um – eine überraschend hohe Zahl. Allerdings wird weiterhin berichtet, dass 26% der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber diskriminierend auf diese Offenlegung reagiert haben. Das heißt aber auch, dass rund drei Viertel der Arbeitgeber unterstützend oder neutral gehandelt haben. Ziel muss vor diesem Hintergrund sein, den restlichen 26% nahe zu bringen, dem positiven Beispiel der anderen Arbeitgeber zu folgen.

Geht es um die Sexualität von Menschen mit HIV stößt man schnell auf Ängste, Unsicherheiten und viele offene Fragen. In den Interviews berichtet knapp die Hälfte (47%) der Befragten von sexueller Zurückweisung aufgrund ihres HIV-Status. Solche Zurückweisung aufgrund der Infektion kann sehr verletzend sein und starke Auswirkungen auf das psychische Gleichgewicht haben, vor allem wenn jemand diese Erfahrung häufiger macht. Dies zeigt sich auch daran, dass sich 20% der Befragten im Jahr vor der Befragung mindestens einmal aufgrund ihrer HIV-Infektion entschieden haben, auf Sex zu verzichten. Bei der Gruppe derjenigen, die sexuelle Zurückweisung erfahren haben, steigt die Zahl auf 25% an. Die Gründe für die Zurückweisung liegen in Ängsten und Unsicherheiten der Sexpartnerinnen oder -partner. Meist wird dabei das Risiko drastisch überschätzt: Die Übertragbarkeit von HIV ist unter wirksamer Therapie nahezu unmöglich. Zudem schützt auch Safer Sex sehr wirksam.

Menschen verinnerlichen Normen, Vorstellungen und Bilder der Gesellschaft, in der sie leben – dies gilt natürlich genauso für Menschen mit HIV. Meist sind mit gesellschaftlichen Bildern von HIV/Aids Unsicherheit, Angst und Bedrohung verbunden. Dies spiegelt sich auch in der Studie wider: 42% der Interviewten geben an, dass sie im letzten Jahr ein niedriges Selbstwertgefühl aufgrund ihrer HIV-Infektion gehabt haben. Verstärkt werden können diese negativen Gefühle durch das Erleben von Diskriminierung. Gleichzeitig verhindert ein niedriges Selbstwertgefühl, dass Menschen mit HIV selbstbestimmt mit Situationen umgehen, in denen sie Diskriminierung erfahren. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl fällt es oft schwerer, unangemessenes Verhalten anzusprechen oder sich zu wehren – ein fataler Prozess entsteht, der in Rückzug und Isolation enden kann. So geben zum Beispiel 30% an, sich im letzten Jahr aufgrund ihrer HIV-Infektion von der Familie zurückgezogen zu haben.

positive stimmen  ist in der Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Stigmatisierung ein großer Schritt nach vorn: Menschen mit HIV sind aufeinander zugegangen, um sich über Erlebtes auszutauschen. Es gab Raum, um Erfahrungen zu verarbeiten, aber auch um sich des Erlebten und eigener Einstellungen überhaupt erst einmal bewusst zu werden. Auch Menschen, die Stigmatisierung und Diskriminierung nicht bewusst erlebt hatten, wussten die Möglichkeit zu schätzen, über diese Themen zu sprechen.

Die ausführliche Projektdokumentation und Auswertung  finden Sie unter positive-stimmen.de.

Eröffnungsplenum Teil 2

Nach der Präsentation zu positive stimmen, fragt Cornelia Benninghoven die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer nach ihren Debattenwünschen.

Martin Wickert würde gerne mit Heidi Eichenbrenner in den Ring steigen. Für ihn ist das Thema der Nichtinfektiosität und der Präventionsbotschaften, die daraus entwickelt werden müssen, eins der interessantesten der Aidshilfe für die nächste Zeit. Heidi Eichenbrenner meint, dass das keine Kontroverse geben würde. Aber die sieht, dass erst einmal alle Leute, die mit diesem Thema befasst sind, dahin gebracht werden müssen, dass sie diese Botschaft glauben und auch glaubhaft vertreten.

Heidi Eichenbrenner würde gerne mit Dr. Anne Bunte in den Ring steigen. An den Fragen: wie bekommen wir das Thema sexuelle Gesundheit, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Seiten des Tisches, an dem man sitzt, hier in der Stadt verankert und welche Strategien können dazu entwickelt werden, wenn man auch die Ärztinnen und Ärzte als Kooperationspartnerinnen und -partner mitdenkt. Das zweite Thema wäre der Umgang mit HIV-Tests bei Einstellungsuntersuchungen (etwa bei Einstellungen in den öffentliche Dienst). Dr. Anne Bunte weist darauf hin, dass sie keine Betriebsärztinnen und Betriebsärzte seien und daher grundsätzlich keine Tests im Rahmen von Einstellungsuntersuchungen gemacht werden.

Dr. Bunte würde am Thema der Frage nach dem Umgang mit anderen STIs mit Heidi Eichenbrenner gerne in die Kontroverse gehen.

Prof. Fätkenheuer würde mit Heidi Eichenbrenner zum Thema PrEP in den Ring steigen. Er denkt, dass es hier es ganz viele offene Fragen gebe. So sieht er beispielsweise hinsichtlich der Frage, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Zeit in die Praxis umgesetzt werden würden, wenige befriedigende Antworten. Er erwartet, dass es hier unterschiedliche Ansichten gebe und wünscht, in der Auseinandersetzung selbst weiterzukommen.

(Zusammenfassung: Bernd Vielhaber)