Eradikation: realistisches Ziel oder Utopie?

Im Themenbereich Eradikation wird diskutiert, ob und unter welchen Umständen eine Eradikation von HIV, also eine Heilung der Erkrankung, denkbar wäre. Gibt es diesbezüglich eine realistische Perspektive, oder müssen wir uns mit der HIV-Infektion als chronische Erkrankung abfinden? Was ist der aktuelle Stand der Wissenschaft?

(Zusammenfassung der Kontroverse 3: Claudia Kannen)

Die Referenten

Die Refrenten waren Prof. Dr. Georg Behrens, Medizinische Hochschule Hannover und Prof. Dr. Hans-Jürgen Stellbrink, Infektionsmedizinisches Zentrum Hamburg.

Die These

HIV ist heilbar. Beim Einzelnen. Unter bestimmten Voraussetzungen und zu einem sehr hohen Preis. Die globale HIV-Epidemie ist unter diesen Umständen nicht einzudämmen, die Heilung bliebe einigen wenigen Infizierten vorbehalten. Sie kann auf diese Weise zum jetzigen Zeitpunkt Präventionsmaßnahmen nicht ersetzen. Trotzdem sollte die Forschung an Heilungsmethoden vorangetrieben werden.

Prof. Dr. Georg Behrens, Medizinische Hochschule Hannover

Die Gegenthese

Eine Heilung ist denkbar, aber unter welchen Bedingungen? Unerwünschte Nebenwirkungen wären die Folge, der Schaden für den Organismus könnte den Nutzen überwiegen. Genau daran aber sollte sich eine weitere Diskussion über die Eradikation als Ziel der medizinischen Forschung orientieren.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Stellbrink, Infektionsmedizinisches Zentrum Hamburg

Die Diskussion

„Der Pessimist sieht Schwierigkeiten bei jeder Gelegenheit, der Optimist sieht Gelegenheiten bei jeder Schwierigkeit.“ Mit diesem Satz eröffnete Prof. Dr. Behrens die Diskussion und outete sich sogleich als Optimist. Gerade in der heutigen Zeit sei die Forschung nach Möglichkeiten der Heilung sinnvoll, da es bereits erfolgversprechende Ansätze gebe. Als Paradebeispiel führt er den Berliner Patienten. An akuter Leukämie erkrankt und infiziert mit HIV, konnte dieser als erster Mensch von HIV geheilt werden. Neben der Chemotherapie wurde ihm Knochenmark eines Spenders transplantiert , der ein HIV-resistentes Immunsystem hatte. Dieses Beispiel zeigt laut Prof. Dr. Behrens, dass eine Heilung möglich ist und die Palette der Optionen deutlich größer wird, wenn man auch abseits der bereits gefundenen Wege forscht.

Prof. Dr. Stellbrink dagegen weist auf die Begrenztheit einer hypothetischen Heilung hin. Einmal geheilt, bedeute nicht für immer geheilt. Ferner darauf, dass die Wahrscheinlichkeit, eine erfolgreiche Heilung in absehbarer Zeit zu finden, doch eher gering sei. „Die Zündflamme glüht weiter!“ Hier verweist er auf die bereits infizierten Zellen, die sich in einer Art Ruhemodus im Körper befinden und dadurch für eine medizinische Maßnahme nicht greifbar sind, jedoch zu jeder Zeit aktiv werden können.

Dass es auch bei HIV-positiven Menschen unter der ART zu einer niedriggradigen Freisetzung der Viren kommt, räumt er ein, hält jedoch die derzeitigen Therapiemöglichkeiten nach wie vor für das Mittel der Wahl und empfiehlt, an dieser Stelle weiter zu forschen. 

Die Heilung des Berliner Patienten hat, so Prof. Dr. Stellbrink, beträchtliche gesundheitliche Folgen für diesen. Sie war nur unter der Elimination des gesamten Immunsystems möglich und brachte erhebliche Komplikationen mit sich. Timothy Ray Brown ist seitdem neurologisch sehr eingeschränkt, leidet unter Sprach- und Gangstörungen und ist insgesamt stark verlangsamt.  Dieser Preis der Heilung sei ein zu hoher, so Prof. Dr. Stellbrink.

Und so stellt sich ihm die Frage, warum man ein so hohes Risiko eingehen sollte, wenn man unter ART unter bestimmten Voraussetzungen eine nachweisbar ähnliche Lebenserwartung wie bei nicht-infizierten Menschen erreichen kann. Eine dieser Voraussetzungen liegt in der frühzeitigen Diagnose und der entsprechenden Behandlung.

Prof. Dr. Behrens greift dieses Argument auf und behauptet, dass Menschen im Angesicht einer potenziellen Heilung auch eher bereit wären, sich regelmäßig testen zu lassen.

Eine Frage aus dem Publikum betrifft die Möglichkeit einer Reinfektion bei anhaltendem Risikoverhalten.  Sollte hier die ART als Präventionsmaßnahme fortgeführt werden? „Alle Optionen für jeden, solange die Mittel reichen!“ lautete die Antwort darauf.

Prof. Dr. Behrens gab die Frage der Schuld zu bedenken, die wieder aufkäme, wenn ein bereits geheilter Mensch sich erneut infizieren würde. Würde dieser Mensch dann, ein weiterhin „ungebremstes Risikoverhalten“ vorausgesetzt, Schuld auf sich laden? Und wie würde sich das auf die Bereitschaft zu erneuten Tests auswirken?

Die Heilung beziehungsweise Impfung seien alternativlos im Angesicht der Ausbreitung der Epidemie in ressourcenarmen Ländern, so lautete ein weiteres Statement aus dem Publikum. Denn: Eine dauerhafte und ausufernde globale Therapie sei nicht finanzierbar. Hier entgegnete Prof. Dr. Behrens, dass eine globale Heilung undenkbar sei, da sie nicht nur finanzielle Mittel benötige, sondern auch an eine funktionierende Infrastruktur und Logistik, an Aufklärung und Information gekoppelt sein müsse. Für eine globale Eindämmung der Epidemie müsse man andere Maßnahmen finden.

Das Fazit

Die Referenten waren sich darin einig, dass beide Positionen gut vertretbar sind. Sowohl die Forschung an einer Heilungsaussicht als auch eine Weiterentwicklung der Therapie und verstärkte Bemühungen um eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung haben ihre Berechtigung. Es sollte jedoch zu keinem Zeitpunkt zu verfrühten Heilungsversprechen kommen, die Kommunikation sollte unbedingt umsichtig und verständlich gestaltet werden.

Entsprechend der Gleichberechtigung beider Ansätze ergab sich auch keine konkrete Empfehlung für den Einsatz der finanziellen Mittel in der Medizin.