Spiel mit den Tabus – Sexseuche und Todesurteil statt Leben, Lust und Liebe?

Bis zum 01.03.2010 wurden dem RKI für das Jahr 2009 insgesamt 2.856 neu diagnostizierte HIV-Infektionen gemeldet. Gegenüber dem Jahr 2008 (n = 2.843) bedeutet dies keine nennenswerte Veränderung bei der Gesamtzahl der HIV-Neudiagnosen. Die Prävention sieht in dieser im internationalen Vergleich niedrigen Zahl einen Beleg für den nachhaltigen Erfolg ihrer Arbeit. Für andere ist jedoch jeder Infizierte einer zu viel. Die Kritik ist deshalb, dass zu wenig getan wird und Aidshilfen die Situation verharmlosen.

In den letzten Jahren haben vermehrt Werbeagenturen für verschiedene Stiftungen, Aidsorganisationen und Vereine skandalisierende Kampagnen umgesetzt, die der Aidsprävention dienen sollten. Die mit schockierenden Bildern arbeitenden Aktionen werden gerade von Laien oft als wirksam beurteilt, weil sie Aufmerksamkeit auf sich ziehen und aufrütteln. Fachleute sehen in ihnen aber mehr Schaden als Nutzen. Sie argumentieren, dass die Gesundheitsforschung belegt, dass Angst und Schrecken keine tragfähige Motivation für präventives und gesundheitserhaltendes Verhalten bilden.

Haben die etablierten Präventionskampagnen versagt und benötigen wir schockierende Bilder, um mehr Neuinfektionen zu verhindern? Oder sind die Werbemacherinnen und -macher mit der Holzhammermethode auf dem Holzweg?

Die Referenten

Die Referentinnen der Kontroverse waren Dirk Silz | das comitee  und Silke Klumb | Deutsche AIDS-Hilfe e. V. Die Moderation hatte Michael Wurm | AIDS-Hilfe NRW e. V.

Die These

Das Thema Aids ist aus den Medien und der öffentlichen Diskussion nahezu verschwunden. Deshalb sollte eine der Hauptaufgaben einer Präventionskampagne auch darin bestehen, Aids wieder zu einem Thema zu machen, über das man spricht oder zumindest nachdenkt. Stattdessen finden die meisten Kampagnen aber unterhalb der Wahrnehmungsschwelle statt – zu brav, zu leise, zu verharmlosend. Insbesondere Jugendliche lassen sich durch nüchterne Informationen zum Kondomgebrauch oder reinen Solidaritätsbekundungen nicht erreichen. Das Ergebnis kann eine „Ist doch alles nicht so schlimm“- Einstellung sein, die Menschen zur Gedankenlosigkeit verführt – gegenüber sich selbst, gegenüber Infizierten und gegenüber Sterbenskranken weltweit, die dringend Hilfe und Spenden benötigen.

Wer auf das Thema Aids aufmerksam machen möchte, der muss Aufmerksamkeit schaffen. Leise Kampagnen helfen dabei nicht weiter. Zudem schaffen polarisierende Motive Diskussion und Auseinandersetzung. Harmlose Motive schaffen nur Verharmlosung. Gerade Jugendliche sind gegenüber Werbung abgestumpft. Provokante und aufmerksamkeitsstarke Werbung erreicht sie jedoch.

Gute Prävention greift von mehreren Seiten an: Sie verharmlost keine Risiken, sondern rüttelt die Menschen auf. Aids ist eine chronische Krankheit mit Nebenwirkungen, die ein Leben lang anhalten können. An Aids sterben immer noch zu viele Menschen, wenn auch nicht im reichen Deutschland, dann in vielen anderen Ländern der Welt. Diese Menschen darf man nicht vergessen.

Andererseits glaubt Dirk Silz auch nicht an eine Dauerbeschallung mit Schock-Kampagnen. Das nutzt sich zu schnell ab. Doch an eine kontinuierliche Aufklärung und Betreuung, verbunden mit aufmerksamkeitsstarken Kampagnen, die das Thema zeitlich begrenzt wieder in den Mittelpunkt rücken, glaubt Silz schon. Denn Gesundheit geht alle an. Deshalb muss man auch versuchen, alle zu erreichen.

Dirk Silz | das comitee 

Die Gegenthese

HIV-Prävention braucht langfristige Aufmerksamkeit, nicht kurzfristige Show- und Schockeffekte. HIV-Prävention muss werben, ist aber viel mehr als Werbung: HIV-Prävention will Menschen aufklären, sie motivieren, sich und andere zu schützen und ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern. Nachhaltige HIV-Prävention will auch die Verhältnisse beeinflussen, die gesundheitsförderndes Handeln fördern. Sie ist nur dann gut, wenn sie die Zielgruppen in die Planung und Umsetzung mit einbezieht und konkrete lebenspraktische und lebensnahe Handlungsmöglichkeiten aufzeigt.

HIV-Prävention muss auch ethischen Grundsätzen folgen: keine Angstprävention, keine Schädigung von Menschen, die heute mit HIV und Aids leben, keine Täterzuschreibungen an HIV-positive Menschen, keine unnötige Dramatisierung, keine Vermittlung falscher Bilder von HIV und Aids in heutiger Zeit.

Schockbilder ziehen kurzfristig Aufmerksamkeit auf sich. Sie bringen Menschen aber nicht dazu, sich mit dem Dargebotenen zu identifizieren und sich angesprochen zu fühlen, sondern lösen im Gegenteil eine innere Abwehr aus. Menschen finden diese Kampagnen vielleicht gut, beziehen das Gesehene aber nicht auf das eigene Leben und ziehen für sich daraus keine Konsequenzen.

Spots, die mit Bildern von Seuche und Tod arbeiten, spiegeln nicht die heutige Situation in Mitteleuropa wieder. Sie fördern nicht die Aufklärung und das Wissen über HIV und Aids, sondern führen in die Irre: Aids ist in Deutschland und anderen Industrienationen in den meisten Fällen die vermeidbare Komplikation einer gut behandelbaren chronischen Erkrankung. Unter einer wesentlichen Voraussetzung: Menschen wissen frühzeitig von ihrer Infektion und können rechtzeitig mit einer HIV-Therapie beginnen. Dafür ist die Bereitschaft, zum HIV-Test zu gehen, unerlässlich. Abschreckende Spots und Bilder verhindern jedoch, dass Menschen HIV als ein Thema erkennen, das für sie Relevanz hat – nicht nur um sich davor zu schützen, sondern auch, um zum HIV-Test zu gehen. Da Menschen vor allem in der Zeit kurz nach der Infektion besonders leicht andere anstecken können und geschätzt ein Drittel aller HIV-Positiven nichts von ihrer Infektion wissen, ist eine Bereitschaft zum HIV-Test eine wichtige Voraussetzung für weitere Präventionserfolge.

Darüber hinaus stärken solche Bilder Vorurteile über HIV und Aids. Worte und Szenen, die Schuldzuschreibungen und Assoziationen mit Tod, Vernichtung und Friedhof transportieren, tragen zur Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit HIV und Aids bei und fördern damit Ausgrenzung. Damit unterstützen sie gesellschaftliche Tendenzen, anderen Schuld zuzuweisen und sich selbst nicht in der Verantwortung zu sehen. Solche Haltungen aber verhindern eine ehrliche und offene Kommunikation über die HIV-Infektion und das Leben mit HIV, statt diese zu fördern. Nur wenn über HIV und über den Schutz davor gesprochen werden kann, nur wenn Menschen für sich selbst Verantwortung übernehmen können und sich nicht als Schuldige fühlen müssen, können auf Dauer neue Infektionen verhindert werden.

Menschen müssen nicht wachgerüttelt werden, Menschen müssen motiviert werden, sich dauerhaft und langfristig regelmäßig vor HIV zu schützen. Dafür müssen sie zuerst HIV als ein wichtiges Thema erkennen, ihr eigenes Verhalten reflektieren, einschätzen lernen und gegebenenfalls verändern können. Das ist ein Prozess, der mit Assoziationen zu Tod, Vernichtung und Sterben nicht befördert werden kann.

Silke Klumb | Deutsche AIDS-Hilfe e. V.

Die Diskussion

Dirk Silz steigt in die Diskussion ein, indem er die Werbekampagne „Aids ist ein Massenmörder“ vorstellt. Seine Agentur hat diese produziert und damit einigen Medienwirbel erzeugt. Wichtig für Silz war dabei die darauf folgende Auseinandersetzung mit dem Thema Aids. Auch die Aidshilfen haben dadurch wieder mehr mediale Aufmerksamkeit erfahren, indem sie ihre Position zu den Aussagen der Kampagne kundtun konnten. Leise Kampagnen würden hier nicht helfen. Nur das Polarisieren schaffe den nötigen Diskurs und erreiche die Zielgruppe. Das Thema sei in den Medien so intensiv wie lange nicht mehr präsent gewesen.

Silke Klumb erwidert, dass Geschmacklosigkeit kein Thema transportiere. Langfristigkeit und Nachhaltigkeit stehe im Vordergrund, keine Täterzuschreibung oder Dramatisierung. Man dürfe keine falschen Bilder erzeugen, denn Schock lüde nicht ein, sich aktiv am Prozess der Prävention zu beteiligen.

Silz entgegnet, dass Gesundheit alle Menschen anginge. Deshalb müsse eine gelungene Präventionskampagne auch alle erreichen. Wenn er Radieschen mit Kondomen sehe, schaue er nur weg, weil ihn das nicht berührt. Er wolle das nicht sehen und andere auch nicht. Aidshilfen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) machen langweilige, nicht ansprechende Werbung. Sie seien „rausgeschmissenes Geld“, da sie unter der Wahrnehmungsschwelle lägen.

Aus dem Publikum kommt dazu eine Reaktion. Die Agentur habe mit der Hitler-Kampagne eine tolle Eigenwerbung für ihre Agentur gemacht. Sie sei aber keine Prävention. Denn Schock nütze nicht und die Kampagne berge keine Information in sich. Die BZgA habe zudem eine neue Kampagne und andere Zielgruppen, die sie mit Wissensübermittlung erreichen wolle. Silz entwürfe eine Welt der Prävention, die so nicht der Realität entspräche.

Dieser antwortet, dass die Kampagne gerade von Lehrern viel Zuspruch bekommen hätte. Viele würden sie als Einstieg im Sexualkundeunterricht nutzen. Klumb hält dagegen, dass die Prävention zwar für Aufrütteln und Erinnern stünde, es dafür aber keinen Hitler bräuchte. Das sei Schwachsinn. Die Kampagne sei nicht wertig genug, um über sie eine Diskussion zu starten. Sie führe zu keiner Veränderung im Verhalten und verletze Persönlichkeitsrechte und ethische Standards. Dies könne kein Weg sein, um Auseinandersetzung anzustoßen.

Ein weiterer Publikumsbeitrag spricht an, dass immer neue Schockeffekte doch nur zu weiterer Abstumpfung führen würden. Man mache gegen solche Reize dicht. Aus Beratersicht brächte das die Prävention nicht weiter, dies mache unsere Gesellschaft eher krank. Denn eine Nachfolgerkampagne müsse noch schockierender sein, um wieder etwas zu erreichen. Zudem würde Aids überdramatisiert, bei anderen Krankheiten fände dies schließlich auch nicht satt.
Silz erklärt, dass an Aids weltweit millionen Menschen erkranken und sterben. Für sie wäre diese Krankheit eine tödliche Bedrohung und angstmachende Gefahr. Dazu wolle er aufrütteln. Er wisse, dass wiederkehrende Schockwerbung nicht funktionieren würde, aber härtere Motive würden gelegentlich helfen, ein Thema ins Bewusstsein zu bringen.

Im weiteren Diskussionsverlauf kommen einige weitere Zuschauer zu Wort. Sie kritisieren die Tatsache, dass die Kampagne nicht auf ihre Akzeptanz und Aufmerksamkeit vorher wie nachher getestet wurde, so wie es Aidshilfen mit ihren Kampagnen täten. Die Wirkung, wie sich Menschen danach verhielten, sei nicht im Fokus gewesen und die Idee zum Spot zu schwach, da dieser keine Präventionsbotschaften in sich bergen würde. Zudem hätte die Agentur wenig Ahnung von HIV, denn die weltweite Situation sei irrelevant für Deutschland. Die Menschen, die sich noch in Deutschland gefährden, würden oft beim Sex bewusst „das Hirn ausschalten“, um keine Angst vor HIV zu haben. Dann sei aber auch die Kampagne weg aus dem Kopf. Somit würde sie nichts bewirken.

Klumb bekräftigt, dass der Spot keine Prävention sei, sondern „nur daneben“. In den 1980er-Jahren habe die Sexualität in Deutschland sehr unter HIV und Aids gelitten. Das habe sich gebessert, es gäbe wieder mehr Sex und daher mehr Risiko. Deshalb könne man mit der kontinuierlich niedrigen Zahl von Neuinfektionen leben, zumal bei den meisten die Krankheit nur noch chronisch verlaufe. Man müsse also mehr über Sex und gleichberechtigte Sexualität reden, nicht über Gewalt.

In den letzten Jahren, so eine weitere Meldung, sei die Sexualität und Körperlichkeit immer mehr aus den Aidshilfekampagnen verschwunden – allen voran in der Kampagne für Männer, die Sex mit Männern haben „ICH WEISS WAS ICH TU“ der Deutschen AIDS-Hilfe. Mit mehr nacktem Fleisch, mehr Pep und mehr flotten Sprüchen wie in den Anfangszeiten der HIV-Prävention, könne man auch heute wieder Aufmerksamkeit schaffen, ohne gleich Ängste projizieren zu müssen.

Das Fazit

Funktionierende Präventionskampagnen, die Menschen langfristig dazu animieren, sich gesundheitsförderlich zu verhalten, können mit kurzfristigen Schockeffekten nichts erreichen. Für sie braucht es die Einbeziehung derer, die man mit einer Kampagne erreichen will. Man muss ihre Lebenswelt und ihre Lebensrealität wahrnehmen und ihre Wünsche und Ängste ernst nehmen, um auf dieser Grundlage mit ihnen gemeinsam Kampagnen zu erarbeiten. Man muss sie einschließen und nicht ausschließen, beteiligen und nicht belehren, ernst nehmen und nicht zuschreiben und nicht den Bildern der 1980er-Jahre verhaftet bleiben.

Prävention muss bei den Zielgruppen ankommen. Prävention braucht Kommunikation, sie muss über Lust und Liebe reden. Dabei muss sie auch provozieren können. Dies braucht aber keine Schockwerbung, sondern ein Fundament über das Wissen, was in Aidshilfen aufgebaut wurde. Dieses Wissen muss breiter vermittelt werden, um zu einer glücklicheren und sichereren Sexualität zu finden. Die Vermittlung von Horrorszenarien ist dabei niemals eine gute Strategie. Angst führt dazu, dass sich Menschen verschließen. HIV-Prävention ist keine einfache Werbung, sie setzt auf Lernstrategien.