Finanzierung langfristiger HIV-Forschungsansätze in der Medizin – Wer soll das bezahlen?

Langfristige Forschungsansätze sind in der Medizin von hoher Bedeutung, z.B. zur Abschätzung von Langzeitfolgen von Medikamenten oder anderer Behandlungsformen. Wesentliche Teile der – insbesondere klinischen – Forschung werden von der pharmazeutischen Industrie durchgeführt. Deren Studien sehen aus strukturellen wie finanziellen Gründen meist keine langfristigen Nachbeobachtungen vor.

Liegt die Verantwortung zur finanziellen Absicherung dieses für das Wohl der Patienten zentralen wissenschaftlichen Bereichs beim Staat oder bei der Industrie? Welche Finanzierungs-Modelle sind darüber hinaus denkbar? Des Weiteren sind vor dem Hintergrund häufiger Schwierigkeiten bundesweiter Umsetzung forschungspolitischer Modelle die Länder bei der Verwirklichung dieses zukunftsweisenden und für den Patienten notwendigen Forschungsauftrags besonders gefragt.

Die Referentinnen und Referenten

Die Referentinnen und Referenten waren Dr. Siegfried Throm vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. und Prof. Dr. Bettina Schmidt von der  Evangelischen Fachhochschule Bochum. Die Moderation führte Prof. Dr. Hans Wolf, Leiter des Instituts für Medizinsche Mikrobiologie und Hygiene an der Universität Regensburg.

Die Situation

Langfristig ausgerichtete Forschung im Gesundheitssektor ist von großer Bedeutung, um wirksame Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten betreiben zu können. Sowohl die Präventions-, als auch die Behandlungs- und Versorgungsforschung zu HIV und Aids ist überaus ressourcenintensiv. Neben finanziellen müssen personelle und zeitliche Kapazitäten verfügbar sein, um medizinisches Wissen zu mehren und Erfolge von Interventionen langfristig zu sichern. Nicht nur im Bereich HIV und Aids stellt sich immer wieder die Frage, wer in Deutschland die Verantwortung für Forschungsstrategien tragen soll und damit die finanzielle Last: für die Minderung von Inzidenz bzw. Prävalenz sowie die Förderung der Gesundheit.

Die These

Die Erforschung und Entwicklung von Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen ist langwierig (sie dauert in der Regel mehr als zehn Jahre), teuer und risikoreich. Von 5.000 bis 10.000 Startsubstanzen schafft es letztlich nur eine einzige bis zur Vermarktung. Die übrigen werden im Laufe der Entwicklung wegen nicht akzeptabler Nebenwirkungen, ungünstiger Eigenschaften oder nicht ausreichender Wirksamkeit aufgegeben. Gegen HIV und Aids stehen derzeit in Deutschland über zwanzig Wirkstoffe zur Verfügung, wobei über die Hälfte auch für Kinder zugelassen sind. „Allein 2007 wurden mit einem Integrasehemmer und einem CCR5-Blocker die jeweils ersten Vertreter von zwei völlig neuen HIV-Medikamentenklassen auf den Markt gebracht. Dies ist von besonderer Bedeutung, da sie neue Therapiemöglichkeiten für bisher austherapierte HIV-Patienten bieten“, betonte Throm. Bis 2011 rechnet der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) mit der Zulassung von mindestens zwei weiteren antiretroviralen Medikamenten.

„Allein für den Bereich HIV sind weltweit derzeit 100 Arzneimittelkandidaten in Erprobung, darunter auch einige Impfstoffe“, so Throm. Allerdings werde der Aufwand für die Entwicklung neuer Arzneimittel immer höher, da für die Zulassung nun grundsätzlich umfangreiche Kinderstudien ebenso gefordert werden wie detaillierte und umfassende Risikomanagementpläne für die erste Zeit der Vermarktung.

2007 haben die Mitgliedsfirmen des VFA – das sind 46 international tätige forschende Pharmaunternehmen – allein in Deutschland 4,5 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben. „Dies bedeutet eine Verdopplung gegenüber 1995. Und von den 91.000 Beschäftigten der VFA-Mitgliedsfirmen arbeiten 17.000 im Bereich Forschung und Entwicklung“, verdeutlichte Throm. „Die pharmazeutischen Firmen sind auf exzellente Wissenschaftler vor Ort angewiesen, da diese nur begrenzt international akquirierbar sind. Und Deutschland verfügt über viele gut ausgebildete Menschen.“

Die Firmen beteiligten sich zudem finanziell an Forschungsprojekten der Kompetenznetze in der Medizin sowie an nationalen und europäischen Forschungsprogrammen. Für den VFA stehe allerdings außer Zweifel, dass Gesundheitsforschung „eine Gemeinschaftsaufgabe“ von universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Kliniken und Industrie sei. Eine enge Zusammenarbeit und Vernetzung von akademischer und außeruniversitärer Forschung erachte die Industrie als essentiell. „Solche Kooperationen waren in Deutschland, anders als in Großbritannien und USA, lange Zeit schwierig, denn die Hochschulwissenschaftler saßen im Elfenbeinturm“, so Throm.

Der VFA kritisiert, dass Deutschland als Standort für klinische Forschung im internationalen Vergleich zumeist nur noch mittelmäßig sei. „Die Mehrzahl der international bedeutenden Studien wird mittlerweile von Ärzten aus anderen Ländern geleitet oder die Durchführung der Studien erfolgt sogar ohne jede Beteiligung Deutschlands“, sagte Throm. Auf die Frage, ob sich der VFA bei seinen Mitgliedern nicht für eine stärkere Beteiligung deutscher Forscherinnen und Forscher an internationalen Studien stark machen könne, erwiderte Throm, dass der VFA ein eingetragener Verein sei und als solcher keinen Durchgriff auf die Entscheidungen habe, die in den Zentralen der internationalen Mutterkonzerne getroffen werden. Der VFA könne sich nur für adäquate Rahmenbedingungen einsetzen, damit seine Mitgliedsfirmen Arzneimittel auch in Deutschland erforschen und entwickeln. „Leider betreiben heute in Deutschland nur noch drei große Firmen Forschung: Das sind Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck Serono. In den USA beträgt der Umsatz der Pharmaindustrie 270 Milliarden Dollar, in Deutschland nur 27 Milliarden Dollar. Damit ist das ökonomische Potenzial hier wesentlich geringer“, erklärte Throm.

Die Gegenthese

Vor einer Diskussion über die Finanzierung von Gesundheitsausgaben jedweder Art, die in der Regel an eine Priorisierungs- oder Rationierungsdebatte gekoppelt ist, sollte stets eine Rationalisierungsdebatte stehen, die zu einer Differenzierung zwischen notwendigen und nicht notwendigen Ausgaben führt. „Es ist hinlänglich belegt, dass sowohl Unter- und Fehl- als auch Überversorgung im Gesundheitswesen mit einer deutlichen Ausgabenverschwendung einhergehen“, stellte Prof. Dr. Bettina Schmidt fest. Als Beispiele seien für den Bereich Forschung die ressourcenintensiven und häufig wenig nutzenstiftenden Gutachterverfahren zu nennen. „Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und vergleichbare Organisationen konterkarieren mit ihrer jährlichen Berichtsforderung die langfristige Forschung. Die Wissenschaftler verbringen Wochen und Monate damit, Berichte zu erstellen, ohne die eine Weiterförderung unmöglich ist. Damit werden unnötig Personalressourcen gebunden“, kritisierte Schmidt.

Für den Bereich Arzneimittelversorgung sieht die Sozialwissenschaftlerin Einsparpotentiale sowohl bei den kostenintensiven, aber nicht wirksameren Scheininnovationen (Me-too-Präparate), als auch bei den immer aufwendigeren diagnostischen Verfahren ohne entsprechenden Behandlungsnutzen für die Patientinnen und Patienten.

Nach Eindämmung der oben genannten Kosten sollte die Diskussion darüber, welche Maßnahmen sinnvoll seien und finanziert werden müssen, unter verantwortungssystemischer Perspektive stattfinden. Die Entscheidungsbefugnis darüber müsse bei unabhängigen Expertinnen und Experten liegen, z.B. beim Sachverständigenrat Gesundheit oder beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Als gemeinwohlrelevante Forschung erachtete Schmidt zum Beispiel die langfristige Wirksamkeit oder den Nutzen von Arzneimitteln, medizintechnischen Geräten, Aufklärungskampagnen und gezielter Ernährung zur Krankheitsstabilisierung.

Schmidt bevorzugt eine institutionalisierte Gesundheitsforschung durch Bund, Länder und Gemeinden: „Da die freiwillige Selbstverpflichtung nicht funktioniert, sind ordnungspolitische Maßnahmen gefordert.“ Für Deutschland sieht die Sozialwissenschaftlerin jedoch noch einen deutlichen Nachholbedarf. So gebe die Bundesregierung nur 2,5 Prozent statt der im EU-Forschungsrahmenprogramm geforderten 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung aus und liege damit im OECD-Vergleich (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) auf Platz acht.

„Die Förderung der klinischen Forschung in Deutschland durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) reicht zur Lösung der vorhandenen Probleme in diesem Bereich nicht aus“, so Schmidt. Deutschland halte an seinem Prinzip der Förderung nach dem Gießkannenprinzip fest. Durch eine präzise Fokussierung auf wenige Krankheitsbilder und durch kontinuierliche, aufeinander aufbauende bzw. einander ergänzenden Studien, die schließlich zu international angesehenen und akzeptierten Therapiestrategien führen, könnte Deutschland zumindest in einigen Bereichen wieder eine Führungsposition erreichen. Für den Erfolg der Förderung sei ein langfristiges Engagement der Politik über mindestens zehn bis 15 Jahre ausschlaggebend, wie insbesondere das Beispiel der USA zeige.

Schmidt wünscht sich für Deutschland aber auch mehr private Initiativen. „Jenseits des Atlantiks ist es für wohlhabende Personen eine gesellschaftliche Verpflichtung, Teile ihres Vermögens für Forschung oder wohltätige Zwecke in Stiftungen einzubringen. So machten die Stiftungsvolumina in Deutschland nur 0,13 Prozent am Bruttoinlandsprodukt aus, in den USA sind es zwei Prozent.“ Schmidt nannte als Beispiel die Bill und Melinda Gates-Stiftung, die jährlich 1,2 Mrd. Dollar für Gesundheitsprojekte zur Verfügung stellt. Zum Vergleich: Die jährlichen Ausgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) belaufen sich derzeit auf 1,6 Mrd. Dollar.

Die Marktfähigkeit von Leistungen der wunscherfüllenden Medizin (IGEL-Leistungen) oder von Nachahmerpräparaten sollten nach Ansicht der Sozialwissenschaftlerin ausschließlich der privatwirtschaftlichen Forschung vorbehalten bleiben.

Das Fazit

Gesundheitsforschung ist eine Gemeinschaftsaufgabe von universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie von Kliniken und Industrie.

Damit werden nicht nur die Weichen gestellt, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung weiter zu verbessern. Auch die zukünftige Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Deutschland hängt entscheidend von einem solchen beschleunigten und optimierten Informations- und Wissenstransfer ab.

Pharmaunabhängige Forschung sollte vorzugsweise als institutionalisierte Gesundheitsforschung durch Bund, Länder und Gemeinden erfolgen.

In Deutschland besteht ein erheblicher Bedarf an privatem Stiftungskapital.

Hintergrundinformationen

Die Aidshilfen sollen sich auch zukünftig wieder verstärkt mit der adäquaten und Lebensstil akzeptierenden Langzeitversorgung HIV-positiver Menschen beschäftigen. Hier gilt es, die Interessen der Positiven zu bündeln. Ratsuchende sollten über die vorhandenen Möglichkeiten und Angebot sowohl rechtzeitig als auch umfassend informiert werden. Darüber hinaus sollten Anstöße für die Entwicklung neuer Wohnformen gegeben werden. Dies wird umso leichter sein, wenn bereits Kontakte zu in der Pflege arbeitenden Organisationen bestehen, mit denen Kooperationen möglich sind.

Hintergrundinformationen

Die Präsentation zum Vortrag von Prof. Dr. Bettina Schmidt finden Sie hier (PDF-Datei).Den Vortrag in einer Kurzzusammenfassung von Dr. Siegfried Throm finden Sie hier (PDF-Datei).