Weniger ist mehr oder das Ende der HIV-Forschung?

Gibt es für HIV-infizierten Menschen inzwischen eine antiretrovirale Standardtherapie oder brauchen wir noch immer individualisierte Therapieentscheidungen? Internationale Leitlinien zur antiretroviralen Therapie empfehlen nur ein Therapieregime für die initiale Therapie oder den Einsatz von verschiedenen Kombinationen aus nukleosidanalogen Reverse-Transkiptase-Inhibitoren (NRTI) mit Integrase-Inhibitoren (INI). Hier sind Therapieerfolge und Langzeitnebenwirkungen bekannt
 
Verschiedene randomisierte Studien wie GEMINI, SWORD, ATLAS, FLAIR, DRIVE2 etc. untersuchen sowohl die Wirksamkeit von Kombinationstherapien mit nur zwei Substanzen aus zwei Medikamentenklassen als auch den Einsatz lang wirkender und injizierbarer Behandlungsregime. Reichen diese Daten, um uns vom Behandlungsregime bestehend aus drei Medikamentenklassen verabschieden zu können? Benötigen wir die anderen Substanzklassen für die Initialtherapie nicht mehr? Müssen hier nicht Alternativen bereitstehen?
 
Einige der INI werden mit vermehrter Gewichtszunahme und höheren Raten psychotroper Nebenwirkungen assoziiert. Hier sollten Alternativen und neue Strategien entwickelt werden. Auch wenn die neuen WHO-Leitlinien Dolutegravir jetzt wieder für Frauen, die schwanger werden möchten, empfehlen, so wird der Einfluss einer Dolutegravir-Behandlung während der Schwangerschaft auf die Häufigkeit von Neuralrohr-Defekten weiter beobachtet werden müssen.
 
Spricht dies nicht dafür, weiterhin auch andere Medikamentenklassen individuell als Initialtherapie einzusetzen, auch wenn die Langzeitnebenwirkungen bislang noch nicht in dem Maße bekannt sind?
 
Und selbst Once-Daily-Präparate stehen mit der Entwicklung neuer Applikationsformen und lang wirksamen Therapieregimen auf dem Prüfstand.
 
Dies alles macht deutlich, dass es zukünftig HIV-Forschung, so wie wir sie derzeit noch kennen, nicht mehr geben wird, es sei denn, wir probieren weiterhin neue Strategien aus und setzen auf die Optimierung von Einnahmemodalitäten, Reduktion von (Langzeit-)Nebenwirkungen und Entwicklung neuer Substanzklassen.

Referenten:
Markus Bickel | Frankfurt
Matthias Stoll | Hannover

Co-Chair:
Bernd Vielhaber | Edemissen