HIV eliminieren oder Aids beenden?

Damit bis 2030 niemand mehr an Aids erkranken muss, wollen die Vereinten Nationen bis 2020 die 90-90-90-Ziele erreichen. Das heißt: 90 Prozent aller Menschen mit HIV sollen eine HIV-Diagnose bekommen haben. 90 Prozent der Menschen mit einer HIV-Diagnose sollen eine lebensrettende antiretrovirale Therapie machen. Und bei 90 Prozent der Menschen unter einer HIV-Therapie sollen die Viruslast unter der Nachweisgrenze sein und auch bleiben, sodass HIV auch beim Sex nicht mehr übertragen werden kann. Bis 2030 soll die Zielmarge auf 95-95-95 erhöht werden. Das Ganze in Hinblick auf Null Diskriminierung von Menschen mit HIV bzw. Aids.

Anders als zum Beispiel Botsuana, Kambodscha, Eswatini (ehem. Swasiland), Namibia, Dänemark und die Niederlande ist Deutschland nicht so weit. Laut Robert-Koch-Institut liegen die Zahlen in Deutschland derzeit bei 87 – 92 – 95. Geschätzte 11.400 Menschen in Deutschland wissen nichts von ihrer Infektion und erhalten folglich keine Behandlung. Mehr als 1.000 Menschen erkranken darum jedes Jahr in Deutschland an Aids – obwohl das längst vermeidbar wäre.

Auch wenn in Deutschland also bislang zwei der Ziele von dreien erreicht wurden, so ist dies bei der Diagnose von HIV nicht der Fall. Und letztlich geht es auch entschieden um die Null: Null Diskriminierung und Stigmatisierung. Ein Ziel, welches hier in Deutschland ebenfalls noch nicht erreicht ist, auch wenn dies so explizit in der Formel von UN AIDS nicht benannt wurde.

Solange es noch Menschen gibt, deren HIV-Diagnose erst (zu) spät festgestellt wird, scheinen Präventionsangebote und Test- und Beratungsangebote nicht die Zielgruppen zu erreichen, die zu erreichen wären. Neben Unwissen bilden sicherlich Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung eine der größten Barrieren für Menschen, sich testen zu lassen.

Bleibt also die Frage nach den realistischen Zielen und mit welchen Strategien sich dieses erreichen lassen. Muss hier nicht der Schwerpunkt auf Null Diskriminierung und Aufklärung liegen, so dass Menschen informierte Entscheidungen hinsichtlich ihrer individuellen Präventionsstrategien treffen können? Nur so kann schließlich erreicht werden, dass Menschen hinsichtlich möglicher Diskriminierung und Stigmatisierung keine Angst mehr vor einem positiven Test-Ergebnis haben müssen?

Oder haben die Bemühungen zum Ziel, alle HIV-Infektionen zu entdecken, koste es was es wolle, und perspektivisch „lediglich“ die HIV-Infektionen auf Null zu senken? Sind dies überhaupt realistische Ziele und wie vertragen sich diese (unabhängig davon, ob realistisch oder nicht) mit dem Stellenwert von Krankheit oder risikobehaftetem Leben in unserer Gesellschaft und dem Bild der selbstbestimmten und mündigen Patient*innen?

Referent*innen:
Sylvia Urban | Dresden
Hendrick Streeck | Essen
Hans-Jürgen Stellbrink | Hamburg
Ines Perea | Berlin
Arne Kayser | Bochum
Kristel Degener | Bonn

Co-Chair:
Kristel Degener | Bonn